Rede von Ortsbürgermeisterin Granold zum Volkstrauertag 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

"Frieden und Freiheit, das sind die Grundlagen jeder menschenwürdigen Existenz!“

Mit diesen Worten von Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, wende ich mich in unserer heutigen Gedenkstunde zum Volkstrauertag an Sie.

Wir wollen der vielen Frauen, Männer und Kinder aus unserem Land und vielen anderen Ländern gedenken, die Opfer von Krieg und Gewalt geworden sind. Diese Menschen mussten – meist sehr jung – sterben, weil Frieden und Freiheit der Boden entzogen worden war, weil eben dies nichts Selbstverständliches war.

Der Volkstrauertag als jährlicher Gedenktag verliert seinen Wert, wenn er nur für rückwärts gerichtetes Gedenken steht. Er soll auch unseren Blick nach vorne richten: Wir erinnern uns vergangener Tragödien, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Die Kriegserfahrungen unseres Landes liegen mittlerweile mehr als sieben Jahrzehnte zurück. Deutschland hat sich in dieser Zeit verändert. Es gab ermutigende Entwicklungen im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts. Die Menschen haben aus den katastrophalen Geschehnissen gelernt und Strukturen zur gewaltlosen Lösung von Konflikten geschaffen. Die Gründung der Vereinten Nationen und der Prozess der Europäischen Integration waren und sind hier wichtige Schritte in eine friedliche Zukunft.

Vor 28 Jahren, am 9. November 1989, beendeten die Menschen in der ehemaligen DDR auf friedlichem Weg die deutsche Teilung. Das wiedervereinigte Deutschland ist seither eine verlässliche Größe im Zentrum Europas und international als zuverlässiger Partner geachtet.

Deutschland ist Mitglied der Europäischen Union und durch das Zusammenwachsen Europas in einen Prozess des Ausgleichs, der gemeinsamen Interessen und der Friedenssicherung eingebunden. Gegenwärtig gefährden jedoch nationale Eigeninteressen und Zwietracht die Einheit Europas. Europa als politisches Projekt der Einigung und des Friedens muss immer wieder neu in unser Bewusstsein gerückt werden. Auch diese politische Leistung, die nach dem Krieg durch entschiedene Europäer wie der Franzose Schuman, der Italiener De Gasperi oder Konrad Adenauer angestoßen wurde, darf nicht als Selbstverständlichkeit gesehen werden. 

Wir brauchen diese Momente des Innehaltens und der Trauer, um die Erinnerung an Leid und Tod, die mit Krieg und Gewaltherrschaft über die Menschen gebracht wurden, wachzuhalten. 

Heute leben wir hier in Deutschland in Wohlstand und Sicherheit – ohne allerdings den weltweiten Terrorismus aus dem Blick zu verlieren.

Die damalige Opferbereitschaft der Soldaten ist für die meisten Menschen heute weit entfernt. Aber auch “wir“ sind darauf angewiesen, dass Mitbürgerinnen und Mitbürger bereit sind, unser Land und unsere Werte im Ernstfall zu verteidigen.

Gerade die letzten Wochen und Monate erinnern uns daran, wie zerbrechlich selbst der Frieden in Europa war und ist: einst war es der Balkan, dann die Ukraine. Oder denken wir an andere Gebiete in der Welt. Nach dem Konfliktmonitor 2016 des Heidelberger Institutes für Konfliktforschung gibt es derzeit weltweit 18 Kriege mit höchster Eskalationsstufe – im Brennpunkt Afrika und der Nahe Osten; hinzu kommen 20 begrenzte Kriege wie im Jemen oder auf den Philippinen.

Schauen wir auf Somalia, den Sudan, Nigeria, aber auch auf die Gefahren, die von Nordkorea ausgehen; die Terroranschläge durch den “IS“, inzwischen weltweit, Al-Quaida im Makreb in Nordafrika, Boko-Haram in Westafrika.

Unsere Soldatinnen und Soldaten, die in der Bundeswehr ihren Dienst tun, haben die Aufgabe, den Frieden zu sichern und unser Land und unsere Werte im Ernstfall zu verteidigen, für uns übernommen. Darum ist heute auch ein Tag des Dankes. Dank dafür, dass sie sich für unser aller Wohl engagieren, und dafür, dass sie dies – wie wir es in den aktuellen Missionen immer wieder erleben müssen – unter Einsatz ihres Lebens tun.

Seit 20 Jahren beteiligt sich Deutschland mit seinen Soldatinnen und Soldaten weltweit an internationalen Einsätzen. Stellvertretend spreche ich heute hierfür den Reservisten der Bundeswehr aus unserer Region, dem Selztalverband – sie kommen jedes Jahr zu unserer Gedenkveranstaltung nach Klein-Winternheim -  ausdrücklich meinen Dank aus.

Es ist ein Gebot der Mitmenschlichkeit, nicht wegzuschauen, wenn Menschen wegen ihrer Überzeugung, Religion oder Rasse verfolgt, geschunden oder getötet werden.

Durch Flucht oder Vertreibung die Heimat zu verlieren, ist ein Erlebnis, das sich wohl kaum wirklich verarbeiten lässt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden Millionen Menschen mit diesem Schicksal konfrontiert. Und auch aktuell verlieren Hunderttausende von Menschen insbesondere aus Afrika und dem Nahen Osten ihre Wurzeln: sie sind auf der Flucht und suchen nach einem Land, in dem sie sicher, frei und selbstbestimmt leben können. Deutschland hatte damals die Heimatvertriebenen aufgenommen und wir stehen heute zu unserer Verpflichtung, den Flüchtlingen beizustehen, die in unser Land kommen – so auch hier in unsere Gemeinde. Mein Dank geht hier an die vielen ehrenamtlichen Helfer für ihr vorbildliches Engagement. 

Das Wissen um die Geschichte und auch das unheilvolle Geschehen in der Gegenwart verpflichten uns, die Stimme zu erheben gegen die Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts in allen Teilen der Welt. Der Volkstrauertag ist hierfür besonders geeignet. Er ist ein Tag des Rückblicks, des Trauerns, des Erinnerns, aber auch des Mahnens.

Frieden ist nicht selbstverständlich. Die Arbeit für den Frieden ist nicht nur Aufgabe der staatlichen Politik, sondern Aufgabe an uns alle, jeden einzelnen von uns.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Volkstrauertag, 19.11.2017

Ute Granold
Ortsbürgermeisterin