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Einführung in die Ausstellung

"Rheinhessen – Natur im Ballungsraum"


Als Bodo Witzke mich fragte, ob ich für diese Ausstellung und sein Buch ein Vorwort schreiben wolle, war es mir eine Freude, sofort zu-zusagen. Als wir, der NABU Mainz und Umgebung und der Fotograf, vor einigen Jahren zusammenfanden, war es der Beginn einer sehr engen Zusammenarbeit, von der der NABU unglaublich profitierte. Bei vielen Gelegenheiten war es danach möglich, Natur und Naturschutz ganz anders – also besser – bildlich in Szene zu setzen. Für viele Menschen bei Ausstellungen, Präsentationen, Vorträgen und anderen Veranstaltungen waren diese Bilder ein Augenöffner für die Natur direkt vor der Haustür.  

Denn mit Mainz, einer der Städte im Ballungsraum Rhein-Main, verbindet man nun nicht zuerst unberührte Natur. Und auch mit  Rheinhessen, dem Land der tausend Hügel, assoziiert man nicht sofort eine Naturlandschaft, sondern eher sich über große Flächen hinziehende Weinberge.

Mit eindrucksvollen Bildern von kleinen und großen Naturschönheiten zeigt dieses Fotobuch, dass sich selbst in einer vom Menschen stark geprägten Region ‚wilde‘ Natur ihre Räume und Rückzugsgebiete erhalten hat, mitunter mitten in der Stadt. Das Beispiel der Mainzer Zitadelle mit all ihren Besonderheiten und ihrer naturschutzfachlichen Bedeutung zeigt das eindrucksvoll.

Ein besonderes Beispiel ist auch der Mainzer Sand, ein europaweit einzigartiges Schutzgebiet mit seinen letzten Kalkflugsanddünen. Eine nacheiszeitliche Steppenlandschaft, die ihre Einmaligkeit und Schönheit oft erst auf den zweiten Blick offenbart. Eingezwängt liegt der Sand zwischen Autobahnen und dichter Wohnbebauung und leidet unter dem Freizeitdruck der Menschen. Solchen Gebieten in Rheinhessen sollte der Mensch Ruhe
gönnen. Andere, wie zum Beispiel die Kulturlandschaft mit Ackerbau und Obstanbau, brauchen den Menschen und seine Tätigkeit. Der ebenfalls fotografisch festgehaltene Feldhamster, eine mittlerweile vom Aussterben bedrohte Art, ist auf die Landwirtschaft angewiesen, um überleben zu können.

Natürlich ist es faszinierend zu betrachten, wenn es Bodo Witzke gelingt, eine dieser seltenen, bedrohten Arten vor die Kameralinse zu bekommen und sie damit ins Bewusstsein zu rücken. Noch beeindruckender ist es aber aus meiner Sicht, wenn es ihm gelingt, uns allen bekannte ‚Allerweltsarten‘ neu in Szene zu setzen. Gerade diese häufig vorkommenden und für selbstverständlich gehaltenen Arten brauchen Aufmerksamkeit, denn auch ihre Lebensräume stehen in einem Ballungsraum wie Rheinhessen unter zunehmendem Druck und müssen als wertvoll betrachtet werden – damit Allerweltsarten auch Allerweltsarten bleiben!

Mit Rheinhessen verbindet man Trockenheit, es ist eine der niederschlagsärmsten Gegenden Deutschlands. Dies prägt die vorkommenden Tiere und Pflanzengesellschaften. So sind einige der abgebildeten Orchideen Leitarten für Halbtrocken- und Trockenrasen, mit die artenreichsten Biotope. Nicht ganz überraschend spielt dennoch das Wasser eine große Rolle, denn Teil dieser Region ist der Rhein, einer der großen Flüsse Europas. Rheinhessen, das ist eben Naturvielfalt von nass bis trocken – und alles auf sehr kleinem Raum. Es überrascht deshalb nicht, dass das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die Oberrheinebene (zu der Rheinhessen gehört), zu einem „Hotspot der Artenvielfalt“ erklärt hat – einem von nur 50 in ganz Deutschland.

Als Vorsitzender des NABU Mainz und Umgebung freut es mich besonders, dass nicht nur die vielen Facetten der rheinhessischen Natur ins Bild gesetzt werden, sondern auch die Anstrengungen beschrieben werden, diese Natur zu erhalten, was keine leichte Aufgabe ist. Nur durch die unzähligen Stunden, die vor allem Ehrenamtliche in ihrer Freizeit opfern, war und ist es möglich, einige der in diesem Buch abgebildeten Naturschönheiten zu erhalten. Vieles von dem, was wir auf den folgenden Bilder sehen, wäre ohne den unermüdlichen Einsatz Einzelner, oft abseits der Aufmerksamkeit, gar nicht mehr vorhanden. Ihnen allen sollte unser Dank und unsere Anerkennung gelten.

Denn das muss auch gesagt werden, es gibt diese Schönheiten und Naturschätze zwar noch in unserer Region oder sie werden durch Renaturierungen wieder geschaffen, sie stehen jedoch massiv unter Druck und sind trotz allem in Gefahr, verloren zu gehen. Wirtschaft, Wohnen, Verkehr haben leider oft negative Auswirkungen auf die Natur, besonders auf schutzwürdige und empfindliche Biotope und Arten.

Genau deshalb gilt es an ein immer wiederkehrendes Leitmotiv des Naturschutzes zu erinnern: „Nur was man kennt, das schützt man auch.“ Insofern lade ich die Betrachterinnen und Betrachter jetzt ein, die Natur vor unserer Haustür mit einem neuen Blick kennen zu lernen und vielleicht das eine oder andere neu oder anders zu entdecken.

Viel Freude beim Schauen und Lesen,

Christian Henkes
Vorsitzender NABU Mainz und Umgebung e.V.