Rede zum Volkstrauertag von unserer Ortsbürgermeisterin Ute Granold

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens – ein stiller Tag.

Wir haben uns hier auf dem Friedhof in Klein-Winternheim versammelt, wir sind hierhergekommen, um gemeinsam der Opfer zu gedenken.

Wir gedenken der Opfer aus Klein-Winternheim,

–        die in zwei Weltkriegen gefallen sind
–        die in zwei Weltkriegen Vater, Mutter, Mann oder Frau, Bruder oder Schwester verloren haben
–        die aufgrund ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung ermordet wurden

Wir versammeln uns heute überall in Deutschland in Tausenden von Gemeinden, um gemeinsam

–        der Opfer von Verfolgung und Vernichtung zu gedenken
–        der Vertriebenen und Flüchtlinge
–        der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die im Kampf für Freiheit und Menschenrechte in den vergangenen Jahren in weltweiten Einsätzen für Frieden gefallen sind

Überall in Deutschland gehört der heutige Tag untrennbar zu unserer Erinnerungskultur – so wie die historischen Katastrophen, die zu diesem Tag geführt haben. Allein der 2. Weltkrieg kostete 60 Millionen Menschen das Leben.

Das Geschehene kann nicht rückgängig gemacht werden, doch wir können viel, sehr viel dafür tun, dass Ähnliches nie wieder geschieht.

Wir gedenken gemeinsam, rufen uns an diesem Tag aber auch die Verantwortung für unsere Mitmenschen und Nachkommen in Erinnerung.

Der Volkstrauertag ist so ein Teil des Fundaments geworden, auf dem wir in Deutschland zum ersten Mal in unserer Geschichte seit über 70 Jahren in Freiheit und Einheit, in Frieden mit unseren Nachbarn leben.

In vielen Ländern Europas gedenken Bürgerinnen und Bürger dieser Tage der Opfer von Krieg, Unterdrückung und Vertreibung. Es geht aber um weit mehr als Vergangenheitsbewältigung. Der heutige Tag sendet auch eine Botschaft:

Jahrhunderte lang wurde Krieg geführt. Und jedes Mal, wenn ein Krieg zu Ende ging, gab es nur Verlierer in den Familien, FRIEDEN wurde nie gewonnen.

Jetzt haben wir die Hoffnung, dass die Zeit der Kriege zu Ende ist in einem geeinten Europa. Dass wir bereit sind, gemeinsam Freiheit, Rechtsstaat und Menschenrechte wehrhaft zu verteidigen gegen jeden Angriff, egal von wem, egal von wo.

Wir leben heute in einer Zeit, in der Nationalismus und Extremismus zu neuen Spaltungen führen können, wo rechte Kräfte die dunklen Seiten der Deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen: “Deutschland müsse sich aus der Vergangenheit befreien.“

Wir können das Erbe der Vergangenheit aber nicht ignorieren, in vielen Bereichen wollen wir das auch nicht...

Aber Vergangenheit gibt es nur als Ganzes:

Goethe ja

Hitler nein

Siemensstadt ja

Theresienstadt nein    das geht nicht!

Wer sich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt, weiß auch, wohin es führt, wenn ewig Gestrige versuchen, das Gestrige ewig zu machen und Nationalismus und Fremdenhass das Wort reden...

–        Denken wir an den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke am 2. Juni diesen Jahres. Er war durch sein Engagement für Flüchtlinge und seinen Widerspruch gegen Pegida-Anhänger deutschlandweit bekannt geworden. Dafür musste er mit seinem Leben bezahlen: „Frieden braucht Mut.“

–        Denken wir besonders in diesem Jahr an den 9. November, den 9. November 1938 und den 9. November 1989.

9. November 1989: 30 Jahre nach dem Mauerfall, Ende des geteilten Deutschlands, friedlich und ohne Waffen, ein Erinnerungstag der Freude.

9. November 1938: in der Reichspogromnacht wurden die Geschäfte von Jüdinnen und Juden geplündert und zerstört, Menschen wurden gejagt auf den Straßen, Synagogen angegriffen und in Flammen gesetzt. Juden wurden ab diesen Novemberpogromen nicht mehr nur diskriminiert, sondern systematisch verfolgt und getötet. Am Ende der Nazizeit 1945 waren 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden.

In diesem Jahr denken viele besonders an den 9. November – wegen des 9. Oktober.
Da war etwas geschehen, von dem wir alle dachten, so etwas würde in Deutschland nie mehr geschehen: eine Synagoge in Halle wurde angegriffen, von einem jungen deutschen Rechtsextremen. Es war der höchste jüdische Feiertag, Jom Kippur, und rund 50 Menschen waren dort zum Gebet versammelt. Und dann kommt einer schwer bewaffnet mit Gewehren und Sprengstoff und versucht, die Tür aufzuschießen....

Rechtsradikale Tendenzen werden immer sichtbarer....

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Mainz, Anna Kischner, stellte anlässlich des diesjährigen Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 die Frage:

Treffen wir uns jedes Jahr am 9. November, um an die vergangene Katastrophe zu erinnern oder kommen wir zusammen, um vor einer bevorstehenden Katastrophe zu warnen?

Wird es je selbstverständlich sein, als Jüdin oder Jude zu leben?

Wie viele Judenhasser leben heute in Deutschland? Sind es mehr oder weniger als 1938?

Das Gedenken an die Vergangenheit ist wichtig, aber dieses Gedenken muss zum Weiterdenken führen, es muss Konsequenzen für unsere Gegenwart haben. Wir müssen unsere Demokratie mit bürgerlichem Engagement und Mut verteidigen: Jeder einzelne von uns!

In diesem Jahr haben wir auch ein Jubiläum zu verzeichnen:

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist 100 Jahre alt. 1919 wurde der Volkstrauertag eingeführt und gehört zu den wichtigsten Gedenktagen in Deutschland, an denen der Toten der Weltkriege und der Opfer der NS - Gewaltherrschaft, aber auch der Opfer der gegenwärtigen Konflikte, wie etwa in Syrien, gedacht wird.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt und erhält mit finanzieller Unterstützung des Staates, vor allem aber mit der Hilfe seiner Mitglieder und Spender, in 45 Staaten 832 Kriegsgräberstätten mit einer Fläche von 7,7 Millionen Quadratmetern, so groß wie knapp 1000 Fußballfelder.

Noch immer suchen die Mitarbeiter nach Toten des 2. Weltkrieges. Allein im letzten Jahr wurden knapp 25.000 Kriegstote aus ihren ursprünglichen, vielfach von Überbauungen und Plünderungen bedrohten Ursprungsgrabanlagen geborgen, 2019 weitere 20.000. Sie ruhen nun auf würdigen Kriegsgräberstätten. Die endlosen Grabreihen sind Orte der mahnenden Erinnerung und müssen Orte der Erkenntnis und des Lernens sein. Sie zeigen, wohin Diktatur, Nationalismus und Rassismus führen.

Wir stehen hier auf unserem Friedhof, einem Ort, an dem wir der Toten gedenken, aber auch einem Ort, der uns Lebende ermahnt, für Frieden zu sorgen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Ute Granold
Ortsbürgermeisterin