DIE "VIRTUELLE AUSSTELLUNG"

Der Haybach hat Großes erlebt: Er hat sein eigenes Tal geschaffen, hat Römer, Germanen und Kelten zum Siedeln anlocken können, hat den Weinbau von Anfang an mitgemacht, ist stolz auf seine Orte Ober-Olm, Klein-Winternheim, Nieder-Olm. Dann das Unglück. In den Fünfzigern wird der Haybach zum Graben 3ter Ordnung degradiert, wird von seinen Quellen abgeschnitten, wird bei Starkregen sogar zur Abwasseranlage. Für einen kleinen aber feinen Bach eine schlimme Geschichte.

 Doch jetzt ist ein Happy-End in Sicht. In einem "Kommunalen Gemeinschaftsprojekt" haben Ortsbürgermeisterin Ute Granold (Klein-Winternheim – ZUM GRUSSWORT) und Ortsbürgermeister Matthias Becker (Ober-Olm) erklärt, sie wollen den Haybach in seine alten Rechte zurückversetzen, sie wollen ihn renaturieren. Doris Leininger-Rill, die Erste Beigeordnete der Verbandsgemeinde Nieder-Olm, die für den Haybach zuständig ist, begrüßt die Initiative und findet, es sei "eine gute Zeit", um das Vorhaben auf den Weg zu bringen, alle seien heute gefordert, etwas für Natur und Umwelt zu tun. Anfang 2020 gibt es eine Art Fahrplan der lokalen Akteure, das in Frage kommende Gebiet soll festgelegt werden, ein erfahrenes Büro mit Planungen beauftragt werden. Ganz vorne stehen faire Angebote an die Landeigentümer. Der ehemalige Forstdirektor Dr. Gerhard Hanke ist als externer Experte mit im Boot, um das Projekt mit Landwirten, Behörden und Institutionen zu koordinieren.

Und wir, die Freunde des Haybachs von der Lokalen Agenda, freuen uns über den Beginn des Renaturierungsprozesses, über seine "Wiedergeburt", wie es Dr. Irene Wellershoff in ihrer REDE ZUR AUSSTELLUNG formuliert. Mit den Bildern und Texten der Ausstellung wollen wir dem Haybach "mehr Gesicht" geben, um so sein enormes Potential zu  zeigen, das schon heute spürbar ist, wenn man genau hinschaut.

Zuerst ein Überblick, ein 180-Grad-Drohnenpanorama, zusammengesetzt aus mehreren Aufnahmen. Der Bach läuft über mehr als drei Kilometer durch die Kulturlandschaft, von Klein-Winternheim (rechts im Bild), über Ober-Olmer Gemarkung (Bildmitte), um dann bei Nieder-Olm (links im Bild) in die Selz zu münden.

Nur ganz kurz: Die Probleme des Haybachs sind offensichtlich. In Teilen läuft er schnurgerade in Betonhalbschalen durch die Landschaft, z.T. fließt das Wasser unter dem Beton, an Stellen ist der Bach gar nicht als Bach in der Landschaft erkennbar.

Und doch gibt es sie, die wunderbaren Ecken, an denen zu erkennen ist, was für ein beeindruckendes Potential der Haybach hat. An einigen wenigen Stellen wurde – z.T. von Privatleuten – Natur am Bach zugelassen. Über die Jahre hat der Agenda-Fotograf Bodo Witzke immer wieder an vielen Stellen des Bachlaufes genau hingeschaut. Er musste suchen und oft dicht mit seiner Kamera an die kleinen, schönen Flecken herangehen, um seine Bilder zu finden, die einen Eindruck davon geben, was hier auch im größeren Maßstab möglich ist. Dass Natur am Haybach nicht weiter ein Nischendasein fristet, das wäre dem Bach, den Anwohnern und Besuchern des Tals genauso zu wünschen, wie den Tieren und Wildpflanzen, die hierher gehören

Wir laden ein zu einem virtuellen Spaziergang zu der Natur am Haybach. Heute muss man solche schönen Naturbilder, wie wir sie zeigen, gezielt und über längere Zeit suchen. Wir wünschen uns, dass Natur am Haybach und ihre Schönheit selbstverständlich und damit auch für den normalen Spaziergänger leicht erkennbar werden. Unserem Tal wird das gut tun.

Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und kommen Sie mit uns.


... und hier beginnt der SPAZIERGANG zu den SCHÖNHEITEN des HAYBACH

Zum Anschauen entweder einfach runterscrollen oder – was vermutlich am PC einfacher ist – auf das erste Bild klicken, das dann groß wird und sich mit der rechten Pfeiltaste auf der Tastatur weiter durch die Serie bewegen.

Manchmal glitzert es am Haybach!
Und man trifft interessante Typen wie das Scharbockskraut, für unsere Vorfahren ein Vitaminspender nach dem Winter – aber Vorsicht: Es kann auch richtig giftig sein.
Mit dem Haybach auf Augenhöhe. Da wird der Bach zum kleinen Fluss, ...
... der sich auch mal durch einen wilden Urwald schlängelt.
Hier und da erlaubt er sich bereits jetzt ein vorsichtiges Mäandern ...
... und versucht sich als Canyon.
In dunklen Ecken schimmert das Wasser.
Die wasserliebenden Erlen locken Erlenzeisige an, die Futter suchen.
Wunderbare gelbe Gesellen.
Märchenecken gibt es auch am Bach.
Und einen verwunschenen Weiher.
Keiner am Haybach entkommt dem neugierigen Blick der schlauen Rabenkrähe.
An den Haybachgärten wacht der Bussard.
Der Eichelhäher ist sich sicher, dass ihn hinter seinem Ast niemand sehen kann.
Und gelegentlich schaut der Kormoran nach dem Rechten.
Hier und da wird der Bach zum verborgenen Teich.
Knorrige alte Freunde begleiten den Haybach auf seinem Lauf.
Und wenn einer nicht mehr stehen kann, macht er einfach die Brücke.
Frühjahr am Haybach ist Bärlauchzeit. Die Blätter sind schmackhaft – können aber mit dem giftigen Maiglöckchen verwechselt werden.
An vielen Stellen riecht es dann während der Bärlauchblüte sanft nach Knoblauch am Bach.
In den lichten Wäldern am Haybach fühlt sich der Bärlauch besonders wohl.
Zu den ersten Frühblühern gehört auch am Haybach der Ehrenpreis, ...
... der neugierig den vorbeifließenden Bach beäugt.
Der Huflattich am Haybach macht jeden zum Sonnenanbeter.
Weiße Veilchen, meinen die beiden, gibt es eben nicht nur im Ziergarten.
Und auch das blaue Duftveilchen ist mit seinem Standort am Bach hochzufrieden.
Das Reizende Windröschen stammt vom Balkan und ist hier verwildert. Ganz reizend!
Niedliche kleine Blüten tauchen am Haybach auf, die für ihren Nachnamen nichts können: Echter Nelkenwurz.
Da hat man mit "Pyrenäen Storchschnabel" doch schon einen edleren Auftritt.
Die dürfen nicht fehlen, die Hahnenfußgewächse, wie sie wegen ihrer vogelfußartigen Laubblätter schon seit dem Mittelalter genannt werden. Mir ist "Butterblume" lieber.
Auch wenn der Haybach hier ein Betonkorsett hat – die darüber fliegenden Blüten der Schlehe reißen es raus.
Direkt im Bach, die Füße im Wasser, den Rohrkolben in der Luft.
Jeder Rohrkolben ist sich selbst genug: Die dünne Spitze ist männlich und der dicke Kolben ist weiblich.
Ihren Samen vertrauen die Rohrkolben dem Wind an.
In Kläranlagen werden Rohrkolben gepflanzt, um Abwasser zu säubern, das können sie, und vieles andere auch noch.
In der blattlosen Jahreszeit setzt das Schilf am Haybach gekonnt grafische Effekte.
"Ganze Schilfbestände stellen oft nur eine einzelne Pflanze dar. Im Donaudelta fanden Fachleute Pflanzen, deren Alter auf ca. 8000 Jahre geschätzt wurde", weiß wikipedia, ...
... aber daran arbeiten sie noch am Haybach.
Während die Bäume im März noch nackt dastehen und das Schilf seiner vergangenen Schönheit nachhängt, starten die Schlehen schon voll durch.
Die weiße Gischt gewaltiger Blütenwellen markiert das Frühjahr.
Zögerlich setzen die Bäume im "Landschaftspark Haybach" mit zartem Grün nach, ...
... während alle Augen auf die weiße Blütenpracht gerichtet sind ...
... und Millionen von fünfzackigen Sternen über dem Haybach schweben, ...
... der unbeeindruckt seinen Lauf nimmt.
Typisch und häufig an vielen Stellen am Bach im frühen Frühjahr: Das Scharbockskraut vom Anfang der Bilderserie will noch einen Auftritt.
Junge Kaulquappen tummeln sich im Bach und hoffen, dass sie es schaffen, Frösche zu werden,
Die Kinderstube des Haybach ist voller kleiner, flinker Schwimmer
Das Leben als Kaulquappe ist gefährlich, der Teichmolch hat sie zum Fressen gern.
Nichts wie weg!!
Zum Bach gehören die Libellen: Die Frühe Adonislibelle versteckt ihr leuchtendes Rot meistens tief in der Vegetation. Für uns macht sie eine Ausnahme.
Eine Heidelibelle, vermutlich frisch geschlüpft. Der obere Flügel sieht aus, als sei sie einem Vogel nur knapp entkommen.
In perfekter Eleganz und Schönheit die "Westliche Weidenjungfer" – klingt nach Dame, ist in diesem Fall aber das Männchen der Gattung.
Hoher Besuch, der Haybach-Admiral höchstpersönlich ist erschienen.
Der Rotklee wird seit dem Mittelalter als Futterpflanze angebaut. Hier am Haybach blüht ein Rotklee einfach nur für sich selbst ...
... und ist anerkanntes Mitglied seiner "Grünlandgesellschaft", wie Biologen das grüne Durcheinander nennen.
Der Spitzwegerich sieht aus wie der futuristische Entwurf einer Wildpflanze; dabei ist er eine uralte Heilpflanze, die gegen Insektenstiche, Entzündungen, Husten hilft.
Ein Waldtümpel erinnert daran, wieviele natürliche Feuchtflächen es früher hier gab. Besonders schützenswert, sagen die Wasserrichtlinien.
Freundliche Mini-Landschaften von Moosen und Flechten sind hier zu entdecken.
Und irgendwo steht ein wilder Apfelbaum. Davon könnten es noch mehr werden, denkt sich die Hummel.
Auf der blauen Kugeldistel versucht ein winziges Grashüpfer-Kind sich zu verstecken.
Die Reiher schauen sich schon mal am Haybach und seinen angrenzenden Feldern um, sie suchen immer neue Wohnquartiere.
Genauso wie die Störche, die vor zwanzig Jahren in der Region beinahe ausgestorben waren, die von Naturschützern gerettet wurden und jetzt die Haybach-Wiesen inspizieren.
Ein Fasanen-Hahn rettet sich vor dem neugierigen Fotografen Richtung Unterholz am Haybach.
Und für einen überraschenden Moment kommen die scheuen Rehe aus der Deckung, verführt vom Schäferstündchen am Haybach.
Der Bussard guckt am liebsten von oben auf das Treiben an seinem Bach.
Gleich nebenan gibt es diesen Weg am Haybach, ein Anblick wie der Zugang zu einem perfekten Märchenwald.
Da ist der Haybach für eine kurze Strecke schon der Naturbach, der er an vielen anderen Stellen erst noch werden möchte.
Wenn sich nach einer Renaturierung Wiesen und Wäldchen in bunter Reihenfolge abwechseln, wenn der Haybach wieder mehr Wasser hat, dann kann er überall sein ganzes Potential entfalten, so wie hier. Darauf freuen wir uns.

c. 2020 Bodo Witzke



... und vielen Dank für die zahlreichen positiven Anmerkungen und Fragen, die uns schon bald nach "Ausstellungseröffnung" erreicht haben. Die Fragen haben wir an die verantwortliche Erste Beigeordnete der VG Nieder-Olm, Frau Doris Leininger-Rill, weitergeleitet. Ihre Antwort (Stand Ende Juli 2020) finden Sie hier.

A.M. aus Essenheim
Tolle Fotos, tolle Idee, toller Bach.
Vielen Dank für die Ideen und den Einsatz für den Naturschutz.

U.K. aus Klein-Winternheim
... ich muss euch zu dieser tollen Präsentation gratulieren! Super gemacht – hat mich echt berührt – ihr habt die Schönheit des Haybachs bestens dargestellt. Die Aufnahmen sind ganz toll!

U.A. aus Bad Schwalbach
Was für ein Kleinod, was für zärtliche Einblicke und launige Texte. Besonders beeindruckt hat mich der Rohrkolben, der „sich selbst genug ist“. Wußte ich auch noch nicht ... Der Rundgang ist ausgesprochen interessant, den Ausstellungsmachern wünsche ich ein großes Publikum und vor allem gutes Gelingen für das großartige Projekt!

B.H. und A.H. aus Ober-Olm
... wir freuen uns sehr über Ihre Initiative den Haybach zu renaturieren. Folgendes ist uns noch nicht klar: Wird der Haibach nach der Renaturierung auch weiterhin als Abwasserkanal missbraucht oder nicht?

R.B. aus Essenheim
Beneidenswert eine Gemeinde, die eine solche lokale Agenda hat. Ich bin schon öfter an Teilen des Haybach spazieren gegangen, vor allem zwischen der Ober-Olmer Gemarkung und der Einmündung in die Selz, habe manches Schöne dort entdeckt, aber so perfekt wie die Fotos Eurer Ausstellung – nein, da muss man schon ein großer Könner sein, um das zu sehen und umsetzen zu können. Gratulation. Und künftig werde ich am Haybach noch genauer hinschauen, dank Eurer Texte und Fotos. Es war ein großes Vergnügen und eine wunderbare Stunde des Sehens in Eurer virtuellen Ausstellung.

F.B. aus Mainz
Danke für die stimmungsvollen Bilder Ihrer Haybachausstellung! Für viele Bürgerinnen und Bürger der Anliegergemeinden ist dies der atmosphärische Hintergrund, in den das Renaturierungsprojekt eingebettet ist. Es zeigt, was verloren gegangen, aber was auch wieder für Mensch und Umwelt zu gewinnen ist. Gibt es denn schon einen konkreten Zeitplan, wann mit den Arbeiten begonnen und wenn das Projekt aller Voraussicht nach abgeschlossen sein wird?

G.K. aus Ober-Olm
Unlängst waren wir am Haybach spazieren und haben einen Zeitgenossen entdeckt, der auf der Agenda-Liste noch nicht aufgeführt ist. Es handelt sich um die Raupe des Weidenbohrers (Cossus cossus). Ein Nachtfalter. Man muss wirklich genau hinschauen, dann entdeckt man interessante Dinge in der unmittelbaren Umgebung.

E.H. aus Klein-Winternheim
Danke für die tollen Bilder und Berichte. Ich wohne nun schon über 10 Jahre in KW und bin hier oft mit meinen Mann, der leider vor vier Jahren verstorben ist, spazieren gegangen. Alleine kann ich dies aber, aus gesundheitlichen Gründen, nicht mehr mit Rollator tuen. Deshalb hat mich Ihre Berichterstattung sehr gefreut. Macht bitte weiter so, damit ich die wunderbare Zurückeroberung der Natur im und um den Haybach im Internet weiter verfolgen kann.


 

 

 



DIE "REDEN"

Zu Corona-Zeiten sind die Ausstellungen leider "nur" virtuell. Wir freuen uns, dass Sie trotzdem hier vorbeigekommen sind. Und wir freuen uns, dass unsere Ortsbürgermeisterin sich die Zeit genomen hat, Sie zu begrüßen:


Vor knapp 20 Jahren hat die LOKALE AGENDA ihr erstes Haybach-Papier gemacht. Ein Blick zurück und einer nach vorne:



Der aktuelle Nachtrag zur Ausstellung


Nachgefragt: Doris Leininger-Rill, erste Beigeordneten der VG Nieder-Olm, zur Haybach-Renaturierung

Zu unserer virtuellen Ausstellung haben uns zahlreiche Fragen zur Renaturierung, zum Projektgebiet, zu Zeitplänen, zu Infoveranstaltungen erreicht. Diese Fragen haben wir gebündet an die zuständige Beigeordnete der VG, Frau Leininger-Rill, geschickt. Die Antworten von Frau Leininger-Rill finden Sie hier (Stand Ende Juli 2020).