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Fundstücke aus dem Leben einer jüdischen Familie - zurückgegeben

Als die Abrahams nach den Novemberpogromen von 1938 Deutschland verlassen mussten, konnten sie auf ihrer Flucht nichts von ihrem Eigentum mitnehmen. Auch in Klein-Winternheim hatten die Nationalsozialisten in der Nacht zum 10. November gewütet und das Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie gestürmt, geplündert und anschließend beschlagnahmt.

Dass nach mehr als 80 Jahren nun die Nachfahren der Familie drei Gegenstände aus dem Besitz der Abrahams zurückerhielten, hängt mit der Aufarbeitung der Vergangenheit im Ort zusammen. 2018 hatten die evangelische Kirchengemeinde Klein-Winternheim/Ober-Olm und die Kulturinitiative Klein-Winternheim KiWi an die Verbrechen der Nazis erinnert und die Geschichte der früheren jüdischen Mitbürger einem großen Kreis Interessierter bekannt gemacht. Inzwischen weist die Ortsgemeinde mit einem Gedenkstein vor dem Haus der Abrahams auf das Schicksal der Familie hin, der Platz davor heißt nun „Familie-Abraham-Platz“.

Diesem öffentlichen Gedenken ist es zu verdanken, dass sich Meike Campo daran erinnert hat, dass sie einen kleinen Schatz besitzt, der einst den Abrahams gehörte. Meike Campo, in der Nachbarschaft des Abrahamschen Hauses in Klein-Winternheim aufgewachsen, lebt heute in Saulheim und hörte durch eine Jugendfreundin von der Erinnerungsarbeit der Klein-Winternheimer. Zwei Gebäckteller und einen Kerzenleuchter hatte sie einst von ihrer Großmutter geerbt – und sie wusste auch, dass diese Gegenstände aus dem jüdischen Haushalt stammten. „Eine Kusine meiner Oma hat bei den Abrahams im Haushalt gearbeitet und als diese aus Deutschland fliehen mussten, haben sie meiner Verwandten die Sachen zum Abschied geschenkt. Vieles von ihrem Eigentum war ja zerstört oder beschlagnahmt – aber auch von dem wenigen, das ihnen geblieben war, durften sie nichts mitnehmen.“  Jetzt aber wolle sie die Gegenstände den Nachfahren zurückzugeben. Sie nahm Kontakt auf zu der Klein-Winternheimer Journalistin Monika Hoffmann, denn diese hatte das Schicksal der jüdischen Familie recherchiert und 2018 zum Gedenktag im November veröffentlicht. Das war vor allem gelungen, weil sie eine Zeitzeugin gefunden hatte: Hilde Wolf, geborene Abraham hatte ihr berichtet, wie sie als 14jähriges Mädchen zuhause den Überfall der SA miterleben musste. Hilde Wolf hatte zuletzt bis zu ihrem Tod in Denver, Colorado gelebt, zusammen mit ihrer Tochter Pamela Wolf, und mit dieser hielt die Journalistin den Kontakt aufrecht. Und sie fand schließlich auch heraus, wo die Enkel von Anna Alice Abraham, die 1893 in Klein-Winternheim geboren war und den Wiesbadener Kaufmann Ferdinand Haas geheiratet hatte, heute leben. Als sie Ronald Oppenheim und Carol Himmelstein nach langen Recherchen über das Internet in den USA ermittelt hatte, war deren Freude übergroß. Dass in der Heimatgemeinde ihrer Vorfahren deren Geschichte aufgearbeitet und sogar ein Mahnmal für die Vertriebenen errichtet worden war, war für die beiden bis dato unbekannt geblieben.

Und nun, kurz vor Jahresende, erreichten die Pakete mit dem Kerzenleuchter und den Gebäcktellern die drei Enkel der Abraham-Familie. Eine solche Erinnerung in den Händen halten zu können, sei unermesslich, so die Reaktionen der Drei, die heute in Colorado, Tennessee und Florida leben. Pamela Wolf nannte den Kerzenleuchter einen unbezahlbaren Schatz und schrieb per Email, sie sei überwältigt und wolle sich ausdrücklich für diese großartige Geste bei Meike Campo bedanken. An ihren Cousin Ronald Oppenheim war einer der beiden Teller gegangen, er äußerte sich ähnlich: „Es ist wunderbar, dieses Andenken an unsere Familiengeschichte in Deutschland zu haben.“ Das Feedback seiner Schwester Carol Himmelstein zu dem zweiten Teller war: „Wir sind berührt und begeistert.“ Sobald Corona es erlaubt, wollen die Geschwister Klein-Winternheim besuchen kommen.

Foto von Bodo Witzke
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